Mörike-Pfad: Donau-Oberschwaben

Biographische Situation Eduard Mörikes zu Beginn des Jahres 1828

Eduard Mörike (1804 - 1875) war von der Familie zum geistlichen Beruf bestimmt. Nach der Schule und dem Besuch eines der "Niederen theologischen Seminare" (von 1818 - 1822 in Urach) folgte das Studium am "Höheren theologischen Seminar", dem Tübinger Stift (bis 1826). Der Examensabschluss war nur mäßig - Mörike fühlte sich selbst mehr dem "Poetischen" zugeneigt. So richtete der 23jährige Vikar im Herbst 1827 ein Urlaubsgesuch an den württembergischen König, aus Gesundheitsgründen auf "unbestimmte Zeit". Er wollte sich über seine Begabung zum Dichter klar werden, sich kritisch mit bereits entstandenen Werken auseinandersetzen. Als geeignete Umgebung für dieses Vorhaben erschien ihm der Raum Oberschwaben. Hier lebten nahe Verwandte, die ihn als geistreichen Gesellschafter und klugen Kopf schätzten. In einem Postscriptum an seinen Freund Johannes Mährlen vom Februar 1828 schreibt er:

Vom 20. Februar an bin ich in - Scheer an der Donau.

Aufenthalt bei Karl Mörike in Scheer

OBERAMTSHAUS, Hauptstraße 14

Karl Mörike, der älteste der Geschwister Eduards, hatte die Stelle eines Amtmanns in Thurn- und Taxisschen Diensten in Scheer inne, wo er mit seiner Familie lebte. Der Besuch Eduards brachte eine willkommene Abwechslung in den abgeschiedenen Standort. Er verstand es, Interessantes der damals aktuellen Literatur zu vermitteln; der Schwägerin Dorothea widmete er eine Sammlung von 23 Gedichten, das sogenannte "Grüne Heft". Eduard begleitete seinen Bruder häufig bei seinen Amtsgeschäften "im Gefährt über Feld" (Brief vom 4. Mai 1828 an Johannes Mährlen): Ich und er SOLO auf dem hintern Siz in brüderlicher Harmonie. Du müsstest aber den Amtmann besser kennen, um dir vorzustellen was für ein Vergnügen ich da habe. Es ist ein Familien Äther und eine Geistesübereinkunft zwischen uns die eine um so interessantere Wirkung hervorbringt, je mehr wir dennoch in Nebendingen von einander abzuweichen scheinen, während gegenseitig eine stillschweigende und gewissermaßen delikate Anerkennung desjenigen vorwaltet, was einer vor dem anderen voraushaben mag.


PFARRHAUS, Kirchberg 18

In dieser Zeit scheiterte eine Bewerbung beim berühmten Stuttgarter Verleger Cotta; Mörike bat um Verlängerung des Urlaubs. Indessen hatte er sich mit dem katholischen Pfarrer von Scheer, Michael Wagner, angefreundet, und hielt sich häufig in dessen Garten auf. In einem Brief vom 13. Mai 1828 schreibt er an Johannes Mährlen:

Hier sitz und schreib ich in dem besonnten Garten des hiesigen (katholischen) Pfarrers, (eines lebhaften 70jährigen, reinlichen Männchens). Die Laube, wo mein Tisch und Schreibzeug steht, lässt durchs junge Geisblatt die Sonne auf mein Papier spielen, der Garten liegt etwas erhöht; über die niedrige Mauer weg auf der man sich wie auf einem Gesimse setzen kann, sieht man unmittelbar auf den Wiesenplan, auf welchem die Donau ihre Scheere bildet. Links, mildansteigende Hügel, rechts, ein weiter Bogen von Bergwald. Eine Wachtel schlägt in der jungen Saat.

Hier hast Du einen Vers, der erst diesen Morgen ausgeschlupft ist:

Da lieg ich auf dem Frühlingshügel,

Die Wolke wird mein Flügel,

Ein Vogel fliegt mir voraus!

Ach, sag'mir, alleinzige Liebe,

Wo Du bleibst, daß ich bei Dir bliebe!

Doch, Du und die Lüfte - haben kein Haus.


PFARRKIRCHE ST. NIKOLAUS, Kirchberg

In seinen autobiographischen Aufzeichnungen "Erinnerungen an Erlebtes" finden sich auch Notizen "aus dem Scheerer Leben" mit der Erwähnung von "Litterae erot.", also von Liebesbriefen, die er in jener Zeit geschrieben hat. Die Identität des Mädchens lässt sich allerdings nicht nachweisen. Vielleicht bezieht sich sein im Juni 1828 entstandenes Gedicht "Josephine" auf sie:

Das Hochamt war. Der Morgensonne Blick Glomm wunderbar im süßen Weihrauchscheine; Der Priester schwieg; nun brauste die Musik. Vom Chor herab zu Tiefe der Gemeine.

So stürzt ein sonnentrunkner Aar. Vom Himmel sich mit herrlichem Gefieder, So lässt Jehovens Mantel unsichtbar Sich stürmend aus den Wolken nieder.

Dazwischen hört ich eine Stimme wehen, Die sanft den Sturm der Chöre unterbrach; sie schmiegte sich mit schwesterlichem Flehen. Dem süß verwandten Ton der Flöte nach.

Wer ist's, der diese Himmelsklänge schickt? Das Mädchen dort, das so bescheiden blickt. Ich eile sache auf die Galerie; Zwar klopft mein Herz, doch tret' ich hinter sie.


Plan Innenstadt Scheerzoom

Stationen des MÖRIKE-PFAD´s in Scheer

1. Das Alte Renthaus, Hauptstraße 12, Dienstsitz Karl Mörikes

2. Oberamtshaus, Hauptstraße 14, Wohnsitz Karl Mörikes

3. Pfarrkirche St. Nikolaus, Kirchberg

4. Pfarrhaus mit Garten, Kirchberg 18

Plan Oberschwaben

Plan Oberschwabenzoom